Kurz gesagt: Eine Fluchttreppe an einem bestehenden Gebäude nachzurüsten, läuft in festen Schritten ab: Anlass und Anforderungen klären, Bestand aufnehmen, Brandschutz und Treppe planen, Genehmigung einholen, Tragwerk bemessen, Treppe fertigen und montieren. Die meiste Zeit kostet in der Regel nicht die Montage, sondern die Abstimmung mit Brandschutzplaner und Bauaufsicht vorher.
Wann muss eine Fluchttreppe nachgerüstet werden?
Jede Nutzungseinheit mit Aufenthaltsraum braucht in jedem Geschoss zwei voneinander unabhängige Rettungswege ins Freie (§ 33 Abs. 1 NBauO, § 33 Abs. 1 BauO NRW). Der zweite Rettungsweg darf bei vielen Gebäuden über die Leitern der Feuerwehr führen. Eine feste Treppe wird typischerweise dann nötig, wenn dieser Weg nicht mehr funktioniert oder nicht mehr zulässig ist. Häufige Anlässe:
- Umbau oder Nutzungsänderung: Aus Lager wird Büro, aus einer Wohnung eine Praxis, das Dachgeschoss wird ausgebaut. Dann sind die Rettungswege für den neuen Zustand nachzuweisen.
- Mehr Personen: In Niedersachsen ist der zweite Rettungsweg über die Feuerwehr nach § 33 Abs. 2 NBauO nur zulässig, wenn keine Bedenken wegen der Personenrettung bestehen. Seit 1. Juli 2024 ist davon auszugehen, wenn das Gebäude kein Sonderbau ist und die Nutzungseinheit kein Geschoss für mehr als 30 Personen hat; darüber ist die Eignung im Einzelfall zu klären.
- Fehlende Anleitermöglichkeit: Brüstungen über 8 m ohne Drehleiter vor Ort, verbaute Aufstellflächen, ungeeignete Fenster.
- Behördliches Verlangen: Rechtmäßig errichtete Gebäude haben Bestandsschutz. Nach § 85 NBauO kann die Bauaufsicht aber eine Anpassung verlangen, wenn das zur Erfüllung der allgemeinen Anforderungen nach § 3 Abs. 1 NBauO nötig ist.
Ob Anleitern genügt oder eine Treppe nötig ist, erklärt der Beitrag Anleitern durch die Feuerwehr oder feste Treppe. Bauordnungsrecht ist Länderrecht. Stimmen Sie Ihr Vorhaben mit Architekt, Brandschutzplaner oder Bauaufsicht ab; dieser Ratgeber ist keine Rechtsberatung.
Wie läuft die Nachrüstung Schritt für Schritt ab?
- Anlass und Ziel klären: Welche Geschosse und Nutzungseinheiten brauchen den zweiten Rettungsweg, wie viele Personen nutzen sie, gibt es eine behördliche Auflage oder ein Brandschutzkonzept?
- Bestand aufnehmen: Gebäudeklasse, Fassade und Fenster, Lage der Ausstiege, Platz auf dem Grundstück, Untergrund für Fundamente, Leitungen im Boden, Zufahrt für Montagefahrzeuge.
- Brandschutz planen: Der Brandschutzplaner oder Entwurfsverfasser legt fest, wo die Treppe stehen darf, wie die Ausstiege angebunden werden und ob Fenster oder Türen in der Nähe geschützt werden müssen. Die Brandschutzdienststelle wird früh einbezogen.
- Genehmigung klären: Bauantrag mit den nötigen Bauvorlagen, gegebenenfalls Denkmalschutz und Bebauungsplan prüfen. Details im Beitrag Braucht eine Fluchttreppe eine Baugenehmigung?.
- Tragwerk bemessen: Statische Berechnung für Treppe, Anschlüsse am Gebäude und Fundamente.
- Werkplanung und Fertigung: Maße am Bau aufnehmen, Werkzeichnungen erstellen, Stahlbauteile im Werk fertigen und korrosionsgeschützt ausführen.
- Fundamente und Montage: Fundamente herstellen, Treppe montieren, Anschlüsse an Fassade oder Balkone ausführen, Ausstiege umbauen.
- Abnahme und Übergabe: Dokumentation übergeben, Rettungsweg kennzeichnen, Nutzer einweisen, Treppe dauerhaft freihalten.
Welche Anforderungen muss die Treppe erfüllen?
Die Außentreppe ist in diesem Fall eine notwendige Treppe. Ohne eigenen Treppenraum ist sie zulässig, wenn ihre Nutzung ausreichend sicher ist und sie im Brandfall nicht gefährdet werden kann (§ 35 Abs. 1 BauO NRW; in Niedersachsen § 35 Abs. 2 NBauO). Weitere Punkte am Beispiel der BauO NRW:
| Thema | Anforderung | Fundstelle |
|---|---|---|
| Baustoffe | tragende Teile von Außentreppen bei Gebäudeklasse 3 bis 5 aus nichtbrennbaren Baustoffen | § 34 Abs. 4 BauO NRW |
| Breite | nutzbare Breite von Läufen und Podesten für den größten zu erwartenden Verkehr | § 34 Abs. 5 BauO NRW |
| Handläufe | fest und griffsicher; nach NBauO bei notwendigen Treppen grundsätzlich beidseitig, nach BauO NRW beidseitig, soweit die Verkehrssicherheit es erfordert | § 34 Abs. 3 NBauO, § 34 Abs. 6 BauO NRW |
| Absturzsicherung | freie Seiten umwehren, mindestens 0,90 m bis 12 m Absturzhöhe, darüber 1,10 m | § 38 BauO NRW, § 4 DVO-NBauO |
| Ziel des Weges | ins Freie; nicht zwingend an eine öffentliche Verkehrsfläche, aber an einen sicheren Ort | Erlass MHKBD NRW vom 21.02.2025 |
In Arbeitsstätten gilt zusätzlich die Technische Regel ASR A2.3 (Fluchtwege und Notausgänge, Ausgabe März 2022, zuletzt geändert im November 2024). Sie betrifft vor allem Gewerbe- und Bürogebäude.
Welche Bauform passt zum Bestand?
| Bauform | Vorteile | Nachteile |
|---|---|---|
| Gerade Treppe mit Podesten an der Fassade | gut begehbar, auch für viele Personen | braucht Länge entlang der Wand |
| Treppenturm vor der Fassade | kompakte Grundfläche, mehrere Geschosse über Stege anschließbar | eigene Gründung, deutlich sichtbar |
| Spindeltreppe | sehr kleine Grundfläche | als notwendige Treppe nur eingeschränkt geeignet, mit der Bauaufsicht klären |
Mehr zum Aufbau eines freistehenden Treppenturms lesen Sie im Beitrag Treppenturm aus Stahl.
Was gilt für Fertigung und Korrosionsschutz?
Tragende Bauteile aus Stahl werden nach der Normenreihe EN 1090 gefertigt. Nach einer Mitteilung von bauforumstahl und der Ingenieurkammer-Bau NRW stellt der Hersteller, meist der Stahlbaubetrieb, die CE-Kennzeichnung und die Leistungserklärung auf Grundlage einer zertifizierten werkseigenen Produktionskontrolle aus. Ingenieurbüros für Statik werden dagegen nicht zertifiziert, weil sie kein Produkt herstellen. Lassen Sie sich die Zertifizierung des ausführenden Betriebs vor der Vergabe vorlegen.
Für Außentreppen ist ein dauerhafter Korrosionsschutz wichtig. Üblich ist das Feuerverzinken, auf Wunsch zusätzlich mit Beschichtung. Planen Sie die Bauteilgrößen so, dass sie verzinkt und transportiert werden können.
Welche Fehler verzögern die Nachrüstung?
- Die Treppe wird geplant, bevor der Brandschutz geklärt ist. Danach passt der Standort nicht, weil Fenster oder Öffnungen in der Nähe den Weg im Brandfall gefährden.
- Die Ausstiege werden vergessen: Fenster müssen zu Türen umgebaut, Brüstungen geöffnet oder Podeste an Balkone angeschlossen werden.
- Der Untergrund ist unbekannt. Leitungen, Kellerwände oder Lichtschächte liegen genau dort, wo Fundamente hin sollen.
- Die Treppe endet auf einer Fläche ohne sicheren Weg vom Gebäude weg. Der NRW-Erlass vom 21.02.2025 nennt als Kriterien, dass man sich aus dem Trümmerschatten entfernen und sicher auf Rettungskräfte warten kann.
- Nach der Montage wird der Weg zugestellt oder die Tür abgeschlossen. Ein Rettungsweg muss dauerhaft nutzbar sein.
Häufige Fragen
Wie lange dauert eine Nachrüstung?
Das lässt sich nicht pauschal sagen. Die Dauer hängt vor allem vom Genehmigungsverfahren und von der Abstimmung mit Brandschutzplaner und Bauaufsicht ab. Fertigung und Montage folgen erst danach.
Kann die Treppe im laufenden Betrieb montiert werden?
Häufig ja, weil Fertigung und Verzinkung im Werk stattfinden und vor Ort vor allem Fundamente und Montage anfallen. Für Durchbrüche an der Fassade und den Umbau der Ausstiege sind kurze Unterbrechungen in den betroffenen Räumen einzuplanen.
Muss die Treppe bis zur Straße führen?
Nein, nicht zwingend. Nach dem Erlass des NRW-Bauministeriums vom 21.02.2025 muss der zweite Rettungsweg ins Freie führen, zum Beispiel in einen Innenhof. Dort müssen sich Personen aber weit genug vom Gebäude entfernen und sicher warten können.
Wer erstellt die Statik für die Treppe?
Die Standsicherheit weist ein Tragwerksplaner nach. Die Berechnung ist Grundlage für Fertigung und Montage und wird je nach Verfahren von der Bauaufsicht oder einem Prüfingenieur geprüft.
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Quellen
- BauO NRW 2018, § 33 Erster und zweiter Rettungsweg (LexMea)
- BauO NRW 2018, § 34 Treppen (LexMea)
- BauO NRW 2018, § 35 Notwendige Treppenräume (LexMea)
- BauO NRW 2018, § 38 Umwehrungen (LexMea)
- Niedersächsische Bauordnung vom 03.04.2012 (Nds. Sozialministerium)
- Nds. Wirtschaftsministerium: Synopse NBauO, Gesetzentwurf (Stand 05.12.2023)
- NBauO § 85 Anforderungen an bestehende bauliche Anlagen (gesetze.co)
- DVO-NBauO, §§ 1 bis 4 (umwelt-online)
- MHKBD NRW: Erlass zum zweiten Rettungsweg ins Freie vom 21.02.2025
- bauforumstahl und Ingenieurkammer-Bau NRW: CE-Kennzeichnung nach EN 1090
- BGN: ASR A2.3 Fluchtwege und Notausgänge
- Niedersächsische Bauordnung, § 33 Rettungswege in der aktuellen Fassung (gesetze.co)
- Gesetz zur Änderung der Niedersächsischen Bauordnung vom 18.06.2024, Nds. GVBl. Nr. 51/2024 (Auszug, umwelt-online)
- Niedersächsische Bauordnung, § 34 Treppen (gesetze.co)
Stand: 03.11.2026




