Kurz gesagt: Planen Sie bei einer neuen Fluchttreppe grundsätzlich mit einem Bauantrag. Sowohl die Niedersächsische Bauordnung als auch die Landesbauordnung NRW machen Baumaßnahmen genehmigungspflichtig, soweit sie nicht ausdrücklich freigestellt sind, und eine Außentreppe als Rettungsweg berührt Brandschutz und Standsicherheit. Ob Ihr Vorhaben im Einzelfall verfahrensfrei ist, klären Sie vorab mit der Bauaufsicht.
Ist eine Fluchttreppe genehmigungspflichtig?
Beide Landesbauordnungen gehen vom gleichen Grundsatz aus: Baumaßnahmen brauchen eine Baugenehmigung, außer das Gesetz stellt sie ausdrücklich frei. In Niedersachsen steht das in § 59 Abs. 1 NBauO, Ausnahmen ergeben sich vor allem aus den §§ 60 bis 62. In NRW bestimmt § 60 Abs. 1 BauO NRW, dass die Errichtung, Änderung, Nutzungsänderung und Beseitigung von Anlagen eine Baugenehmigung brauchen, soweit die §§ 61 bis 63, 78 und 79 nichts anderes regeln.
In der Liste der verfahrensfreien Bauvorhaben in § 62 BauO NRW sind Außentreppen nicht ausdrücklich genannt. Freigestellt sind dort zum Beispiel unter Bedingungen die Erneuerung von Balkonen oder die Änderung tragender Bauteile in kleinen Wohngebäuden der Gebäudeklassen 1 und 2, jeweils nur mit Bescheinigung einer qualifizierten Person. In Niedersachsen regelt der Anhang zu § 60 NBauO die verfahrensfreien Maßnahmen. Er enthält unter anderem Abschnitte zu tragenden und nichttragenden Bauteilen sowie zu Fenstern, Türen, Außenwänden und Dächern. Ob ein bestimmtes Vorhaben darunter fällt, hängt vom genauen Wortlaut und von den Bedingungen ab.
Eine Fluchttreppe ist in aller Regel Teil des Rettungswegkonzepts. Sie verändert das Gebäude, braucht eine eigene Standsicherheit und oft neue Ausstiege in der Fassade. Deshalb sollten Sie nicht davon ausgehen, dass sie genehmigungsfrei ist. Bauordnungsrecht ist Länderrecht, und dieser Ratgeber ist keine Rechtsberatung. Stimmen Sie das konkrete Vorhaben mit Architekt, Brandschutzplaner oder Bauaufsicht ab.
Heißt verfahrensfrei, dass keine Regeln gelten?
Nein. Das ist der häufigste Irrtum. Nach § 59 Abs. 3 NBauO müssen auch verfahrensfreie Baumaßnahmen den Anforderungen des öffentlichen Baurechts entsprechen. In NRW stellt § 60 Abs. 2 BauO NRW klar, dass die Genehmigungsfreiheit nicht von der Verpflichtung zur Einhaltung der Anforderungen entbindet und die Eingriffsbefugnisse der Bauaufsicht unberührt bleiben.
Für eine Fluchttreppe heißt das: Auch ohne Genehmigung muss sie als notwendige Treppe sicher nutzbar sein und darf im Brandfall nicht gefährdet werden (§ 35 Abs. 1 BauO NRW, § 35 Abs. 2 NBauO). Ab Gebäudeklasse 3 müssen in NRW ihre tragenden Teile aus nichtbrennbaren Baustoffen bestehen (§ 34 Abs. 4 BauO NRW). Wer ohne Genehmigung baut, obwohl eine nötig war, riskiert, dass die Bauaufsicht einschreitet.
Was ist in Niedersachsen anders als in NRW?
| Punkt | Niedersachsen (NBauO) | Nordrhein-Westfalen (BauO NRW) |
|---|---|---|
| Grundsatz Genehmigungspflicht | § 59 Abs. 1 | § 60 Abs. 1 |
| Verfahrensfreie Vorhaben | § 60 mit Anhang | § 62 |
| Pflicht zur Einhaltung trotz Verfahrensfreiheit | § 59 Abs. 3 | § 60 Abs. 2 |
| Rettungswege | § 33 | § 33 |
| Außentreppe ohne Treppenraum | § 35 Abs. 2 Nr. 3 | § 35 Abs. 1 Satz 3 Nr. 3 |
| Balkone erneuern | Anhang Nr. 1.9, Gebäudeklassen 1 bis 3, unter Bedingungen | § 62 Abs. 1 Nr. 11 g, mit Bescheinigung zur Statik |
Speziell zu Niedersachsen gibt es einen eigenen Beitrag: Zweiter Rettungsweg in Niedersachsen: was die NBauO verlangt.
Welche Rolle spielt der Brandschutznachweis?
Die Fluchttreppe ist ein Baustein des Brandschutzes. Deshalb ist neben der Statik meist auch der Brandschutz nachzuweisen. Wie genau die Bauaufsicht das prüft, hängt vom Verfahren ab:
- Niedersachsen: Nach einer Vortragsunterlage der Architektenkammer Niedersachsen entfällt im vereinfachten Baugenehmigungsverfahren (§ 63 NBauO) die behördliche Prüfung der Eignung des zweiten Rettungswegs über Feuerwehrgeräte. Die Verantwortung liegt dann stärker bei den Planern.
- NRW: Nach einem Erlass des Bauministeriums vom 21.02.2025 prüfen im vereinfachten Verfahren bei Vorhaben, die keine großen Sonderbauten sind, sachverständige Personen bzw. staatlich anerkannte Sachverständige für Brandschutz. Sie setzen dabei die Forderungen der Brandschutzdienststelle um.
Weniger Prüfung durch die Behörde heißt also nicht weniger Anforderungen. Planen Sie die Treppe so, dass sie den Brandschutznachweis sicher erfüllt.
Was gehört typischerweise in den Bauantrag?
Welche Bauvorlagen genau verlangt werden, regelt die jeweilige Bauvorlagenverordnung. Für eine Fluchttreppe sind in der Praxis meist diese Unterlagen nötig:
- Lageplan mit Standort der Treppe, Grenzabständen und Zuwegung
- Grundrisse, Ansichten und Schnitte mit Ausstiegen, Podesten und Höhen
- Standsicherheitsnachweis für Treppe, Anschlüsse und Fundamente
- Brandschutznachweis oder Fortschreibung eines vorhandenen Brandschutzkonzepts
- Baubeschreibung mit Material, Korrosionsschutz und Geländerhöhen
Die Feuerwehr Herne verlangt für die Prüfung von Anleiterstellen zum Beispiel Ansichten und Schnitte im Maßstab 1:100 und einen Lageplan 1:200 oder 1:250. Für eine Treppe geht es um die gleichen Fragen: Wo führt der Weg hin, und ist er im Brandfall sicher?
Welche weiteren Genehmigungen können nötig sein?
- Denkmalschutz: Nach § 59 Abs. 3 Satz 2 NBauO bleiben Genehmigungsvorbehalte nach anderen Gesetzen, etwa dem Denkmalschutzgesetz, unberührt.
- Bebauungsplan: Festsetzungen zu überbaubaren Flächen oder Gestaltung können eine Außentreppe betreffen. Die Stadt Wolfsburg weist in ihrem Infoblatt darauf hin, dass die planungsrechtlichen Voraussetzungen auch bei verfahrensfreien Vorhaben zu prüfen sind.
- Arbeitsstätten: In Betrieben gilt zusätzlich die ASR A2.3 (Fluchtwege und Notausgänge, Ausgabe März 2022, zuletzt geändert im November 2024).
- Eigentümergemeinschaft: In Wohnungseigentumsanlagen kann eine Außentreppe das Gemeinschaftseigentum betreffen. Klären Sie das vorher mit der Gemeinschaft.
Wie der gesamte Ablauf von der Planung bis zur Montage aussieht, beschreibt der Beitrag Fluchttreppe im Bestand nachrüsten.
Häufige Fragen
Ist eine Fluchttreppe für ein Einfamilienhaus genehmigungsfrei?
Das lässt sich nicht pauschal sagen. Auch bei kleinen Wohngebäuden gilt der Grundsatz der Genehmigungspflicht, und Außentreppen sind in § 62 BauO NRW nicht ausdrücklich freigestellt. Fragen Sie vor der Bestellung bei der Bauaufsicht nach.
Kann die Bauaufsicht eine Fluchttreppe verlangen?
Ja, unter Umständen. Bei Umbau oder Nutzungsänderung sind die Rettungswege für den neuen Zustand nachzuweisen. Bei Bestandsgebäuden kann sie nach § 85 NBauO eine Anpassung verlangen, wenn das zur Erfüllung der allgemeinen Anforderungen nötig ist.
Wer stellt den Bauantrag?
Der Bauherr, in der Regel über eine bauvorlageberechtigte Person wie einen Architekten oder Bauingenieur. Der Metallbaubetrieb liefert dafür Konstruktionsangaben und arbeitet mit dem Tragwerksplaner zusammen.
Gilt eine Genehmigung für eine Treppe auch für spätere Änderungen?
Nein. Wird die Treppe später verlängert, an weitere Geschosse angeschlossen oder ändert sich die Nutzung des Gebäudes, ist erneut zu prüfen, ob eine Genehmigung nötig ist.
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Quellen
- NBauO § 59 Genehmigungsvorbehalt (gesetze.co)
- NBauO § 60 Verfahrensfreie Baumaßnahmen (gesetze.co)
- NBauO § 85 Anforderungen an bestehende bauliche Anlagen (gesetze.co)
- NBauO, Inhaltsübersicht mit Anhang zu § 60 (umwelt-online)
- Niedersächsische Bauordnung vom 03.04.2012 (Nds. Sozialministerium)
- Stadt Wolfsburg: Infoblatt verfahrensfreie Baumaßnahmen (2025)
- Architektenkammer Niedersachsen: Vortrag zur NBauO 2024
- BauO NRW 2018, § 60 Grundsatz (LexMea)
- BauO NRW 2018, § 62 Verfahrensfreie Bauvorhaben (LexMea)
- BauO NRW 2018, § 34 Treppen (LexMea)
- BauO NRW 2018, § 35 Notwendige Treppenräume (LexMea)
- MHKBD NRW: Erlass zum zweiten Rettungsweg ins Freie vom 21.02.2025
- Feuerwehr Herne: Merkblatt E3 Zweiter Rettungsweg mit Feuerwehr-Rettungsgeräten (2026)
- BGN: ASR A2.3 Fluchtwege und Notausgänge
- Niedersächsische Bauordnung, Anhang zu § 60 Abs. 1, verfahrensfreie Baumaßnahmen (gesetze.co)
- Niedersächsische Bauordnung, § 63 Vereinfachtes Baugenehmigungsverfahren (gesetze.co)
Stand: 03.11.2026




