Kurz gesagt: Auch ein ausgebautes Dachgeschoss braucht für jede Wohnung oder Nutzungseinheit zwei voneinander unabhängige Rettungswege. Der erste führt über die notwendige Treppe, der zweite in vielen Fällen über ein Fenster, das die Feuerwehr anleitern kann. Ist das Fenster zu klein, zu weit von der Traufe entfernt oder für die Leiter zu hoch, braucht das Dachgeschoss eine bauliche Lösung, etwa Austritte auf dem Dach oder eine Außentreppe.

Warum braucht ein Dachgeschoss einen zweiten Rettungsweg?

Die Landesbauordnungen verlangen für Nutzungseinheiten mit mindestens einem Aufenthaltsraum, also Wohnungen, Praxen oder Büros, in jedem Geschoss mindestens zwei voneinander unabhängige Rettungswege ins Freie. Das steht in § 33 Abs. 1 der Niedersächsischen Bauordnung (NBauO) und in § 33 Abs. 1 der Landesbauordnung NRW (BauO NRW). Für ein Dachgeschoss gilt nichts anderes als für jedes andere Obergeschoss: Ist der Treppenraum verraucht, muss es einen zweiten Weg geben.

Der erste Rettungsweg führt bei Geschossen, die nicht zu ebener Erde liegen, über eine notwendige Treppe. Der zweite kann eine weitere notwendige Treppe sein oder eine Stelle der Nutzungseinheit, die mit Rettungsgeräten der Feuerwehr erreichbar ist. Entbehrlich ist der zweite Rettungsweg nur, wenn die Rettung über einen sicher erreichbaren Treppenraum möglich ist, in den Feuer und Rauch nicht eindringen können (Sicherheitstreppenraum). Im Dachgeschoss eines älteren Wohnhauses ist das selten der Fall.

Bauordnungsrecht ist Länderrecht. Die Details unterscheiden sich zwischen Niedersachsen, NRW und anderen Ländern, und die örtlichen Brandschutzdienststellen legen manche Punkte unterschiedlich aus. Stimmen Sie Ihr Vorhaben deshalb immer mit Architekt, Brandschutzplaner oder Bauaufsicht ab. Dieser Ratgeber ersetzt keine Rechtsberatung. Die allgemeinen Grundlagen erklärt der Beitrag Zweiter Rettungsweg: Anforderungen an Gebäude.

Welche Anforderungen muss ein Dachfenster als Rettungsweg erfüllen?

Soll der zweite Rettungsweg über die Feuerwehr laufen, ist rechtlich das Fenster der Rettungsweg, nicht die Gaube. In NRW regelt § 37 BauO NRW die Anforderungen ausdrücklich. Für Niedersachsen nennt die Feuerwehr Braunschweig § 37 Abs. 3 NBauO in Verbindung mit § 20 DVO-NBauO und dieselben Grundmaße.

Anforderung Wert Fundstelle
Lichte Öffnung mindestens 0,90 m breit und 1,20 m hoch § 37 BauO NRW; Niedersachsen: § 20 DVO-NBauO (laut Feuerwehr Braunschweig)
Brüstung höchstens 1,20 m über der Fußbodenoberkante wie oben
Fenster in Dachschräge oder Dachaufbau Unterkante oder davorliegender Austritt waagerecht höchstens 1 m von der Traufkante entfernt § 37 BauO NRW
Bemerkbar machen Personen müssen sich zur öffentlichen Verkehrsfläche oder zu Flächen für die Feuerwehr bemerkbar machen können § 37 BauO NRW; in Niedersachsen Voraussetzung für Fenster in Dachschrägen und Dachaufbauten

Die Berliner Feuerwehr weist auf Details hin, die in der Praxis oft übersehen werden. Das lichte Maß muss tatsächlich frei sein. Ein Dachfenster mit Schwingachse in der Mitte erreicht es meist nicht. Geeignet sind Fenster, die sich mindestens 90 Grad öffnen lassen oder seitlich wie eine Tür aufgehen. Auch Sprossen oder Fensterkreuze dürfen das Maß nicht verkleinern.

Was gilt, wenn das Fenster zu weit von der Traufe entfernt ist?

Liegt die Fensterunterkante mehr als 1 m von der Traufkante entfernt, kommt die Feuerwehr mit der Leiter nicht sicher an die Person heran. Dann helfen fest montierte Auftritte oder Laufwege auf dem Dach. Merkblätter von Brandschutzdienststellen nennen dafür konkrete Werte:

  • Auftritte mit mindestens 0,70 m Breite und 0,25 m Tiefe, als Gitterrost aus nichtbrennbarem Material, standsicher und witterungsbeständig (Stadt Monheim am Rhein; Berliner Feuerwehr unter Verweis auf DIN 14094-2).
  • Ab drei Auftritten eine beidseitige Festhaltemöglichkeit (Monheim am Rhein).
  • Bei größeren Abständen Laufstege, Nottreppen oder Notstufenleitern bis zu einem Rettungspodest nach DIN 14094-2 (Feuerwehr Herne, Monheim am Rhein).
  • Laufwege dürfen nach dem Merkblatt der Feuerwehr Herne nicht an Fenstern anderer Nutzungseinheiten vorbeiführen.
  • Ist die Brüstung höher als 1,20 m, verlangt das Monheimer Merkblatt eine fest eingebaute Ausstiegshilfe unter dem Fenster mit mindestens 25 cm Auftrittstiefe.

Maßgebliche Norm für solche Anlagen ist die DIN 14094-2 (Notleiteranlagen, Rettungswege auf flachen und geneigten Dächern). Welche Ausführung im Einzelfall akzeptiert wird, entscheidet die örtliche Brandschutzdienststelle. Legen Sie ihr die Detailplanung vor der Ausführung vor.

Wann reicht die tragbare Leiter der Feuerwehr nicht mehr aus?

Die Bauordnung NRW geht davon aus, dass die Feuerwehr Stellen erreichen kann, deren Brüstung bis 8 m über dem Gelände liegt. Liegt die Brüstungsoberkante höher, darf der zweite Rettungsweg nur dann über die Feuerwehr laufen, wenn sie die nötigen Hubrettungsfahrzeuge besitzt (§ 33 Abs. 3 BauO NRW). In Niedersachsen dürfen solche Gebäude nach § 13 DVO-NBauO (laut Feuerwehr Braunschweig) nur errichtet werden, wenn die Feuerwehr über die erforderlichen Rettungsgeräte verfügt; eine Höhenangabe enthält diese Regel nicht. Liegen Anleiterstellen höher als 8 m, verlangt § 1 DVO-NBauO eine Zu- oder Durchfahrt für die Feuerwehr. Bei einem Dachgeschoss über zwei Vollgeschossen ist diese Grenze schnell erreicht.

Für die vierteilige Steckleiter nennt das Merkblatt des Rhein-Sieg-Kreises eine Länge von 8,40 m, einen Aufstellwinkel von 65 bis 75 Grad und eine Aufstellfläche von mindestens 2,5 m mal 2,5 m unter dem Fenster. Diese Fläche muss dauerhaft frei bleiben. Carport, Gartenhaus, Stellplatz, Bäume oder große Sträucher unter dem Rettungsfenster können den Rettungsweg unbrauchbar machen. Für eine Drehleiter sind Zufahrt und Aufstellfläche auf dem Grundstück oder an der Straße nötig. Wie die Feuerwehr das prüft, beschreibt der Beitrag Anleitern durch die Feuerwehr oder feste Treppe.

Welche baulichen Lösungen gibt es?

Funktioniert der Weg über die Feuerwehr nicht, braucht das Dachgeschoss einen zweiten baulichen Rettungsweg oder eine bauliche Ergänzung. Typische Varianten im Vergleich:

Lösung Eignet sich, wenn Zu beachten
Neues oder größeres Fenster, Gaube Brüstung bis 8 m und freie Aufstellfläche vorhanden Lichtmaß, Öffnungsart, Traufabstand, Brüstungshöhe
Auftritte, Laufsteg, Rettungspodest Fenster liegt zu weit von der Traufe entfernt DIN 14094-2, Abstimmung mit der Brandschutzdienststelle
Außentreppe aus Stahl Anleitern nicht möglich oder nicht zulässig, mehrere Einheiten betroffen Statik, Fundamente, Lage zu Fenstern und Fassade, Genehmigung
Zweite Innentreppe genug Fläche im Gebäude Eingriff in die Grundrisse aller darunterliegenden Geschosse

Eine Außentreppe kann als notwendige Treppe ohne eigenen Treppenraum zulässig sein, wenn ihre Nutzung ausreichend sicher ist und sie im Brandfall nicht gefährdet werden kann (§ 35 Abs. 1 BauO NRW, in Niedersachsen § 35 Abs. 2 NBauO). Bei Gebäuden der Gebäudeklassen 3 bis 5 müssen ihre tragenden Teile in NRW aus nichtbrennbaren Baustoffen bestehen (§ 34 Abs. 4 BauO NRW); Stahl erfüllt das. Wie eine solche Nachrüstung abläuft, zeigt der Beitrag Fluchttreppe im Bestand nachrüsten.

Braucht der Dachausbau eine Genehmigung?

Das hängt vom Land und vom Vorhaben ab. In Niedersachsen ist die Umnutzung von Dachgeschossräumen eines Wohngebäudes mit nur einer Wohnung zu Aufenthaltsräumen dieser Wohnung verfahrensfrei (§ 60 Abs. 2 Nr. 2 NBauO). Verfahrensfrei heißt aber nicht anforderungsfrei: Nach § 59 Abs. 3 NBauO müssen auch verfahrensfreie Maßnahmen dem öffentlichen Baurecht entsprechen. Der zweite Rettungsweg muss also trotzdem funktionieren. In NRW gilt dasselbe Prinzip nach § 60 Abs. 2 BauO NRW. Entsteht im Dach eine neue Wohnung oder wird eine Außentreppe angebaut, kann ein Bauantrag nötig sein. In Niedersachsen kann die Nutzungsänderung eines Dachgeschosses zu Wohnzwecken unter bestimmten Voraussetzungen auch genehmigungsfrei im Mitteilungsverfahren nach § 62 Abs. 1a NBauO erfolgen. Klären Sie das vorab mit der Bauaufsicht.

Häufige Fragen

Reicht ein normales Dachflächenfenster als zweiter Rettungsweg?

Nur wenn es im geöffneten Zustand ein lichtes Maß von mindestens 0,90 m mal 1,20 m freigibt, höchstens 1 m waagerecht von der Traufkante entfernt liegt, die Brüstung nicht höher als 1,20 m ist und die Feuerwehr es erreichen kann. Viele Standardfenster mit Schwingachse in der Mitte erfüllen das lichte Maß nicht.

Darf der zweite Rettungsweg über die Nachbarwohnung führen?

Die Bauordnungen sprechen von einer Stelle der eigenen Nutzungseinheit. Das Merkblatt der Feuerwehr Herne verlangt ausdrücklich, dass die anleiterbare Stelle ausschließlich zur jeweiligen Nutzungseinheit gehört und dauerhaft zugänglich ist. Ein Weg durch eine fremde Wohnung reicht daher in der Regel nicht.

Was mache ich, wenn die Brüstung im Dachgeschoss höher als 1,20 m ist?

Dann ist eine fest eingebaute Ausstiegshilfe unter dem Fenster möglich. Das Merkblatt der Stadt Monheim am Rhein nennt dafür eine Auftrittstiefe von mindestens 25 cm und eine verbleibende Brüstungshöhe von höchstens 1 m. Stimmen Sie die Lösung mit der Brandschutzdienststelle ab.

Muss ein bestehendes Dachgeschoss nachgerüstet werden?

Rechtmäßig errichtete Gebäude genießen Bestandsschutz. Nach § 85 NBauO kann die Bauaufsicht aber eine Anpassung verlangen, wenn das zur Erfüllung der allgemeinen Anforderungen nach § 3 Abs. 1 NBauO nötig ist. Bei Umbau, Ausbau oder Nutzungsänderung wird der Rettungsweg ohnehin neu betrachtet.

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Quellen

Stand: 03.11.2026