Kurz gesagt: Eine Fluchttreppe außen ist baurechtlich meist eine notwendige Außentreppe, über die der zweite Rettungsweg führt. Sie ist ohne eigenen Treppenraum zulässig, wenn ihre Nutzung auch im Brandfall ausreichend sicher ist. Die Einzelheiten regelt die jeweilige Landesbauordnung, in Arbeitsstätten gelten zusätzlich die Technischen Regeln ASR A2.3 und ASR A1.8.
Wann braucht ein Gebäude eine Fluchttreppe außen?
Nach der Musterbauordnung (MBO) müssen für jede Nutzungseinheit mit Aufenthaltsräumen in jedem Geschoss mindestens zwei voneinander unabhängige Rettungswege ins Freie vorhanden sein (§ 33 Abs. 1 MBO). Die Niedersächsische Bauordnung (NBauO) und die Bauordnung NRW (BauO NRW 2018) enthalten diese Regel ebenfalls in ihrem § 33. Liegt ein Geschoss nicht zu ebener Erde, führt der erste Rettungsweg über eine notwendige Treppe. Der zweite Rettungsweg kann eine weitere notwendige Treppe sein oder eine Stelle der Nutzungseinheit, die mit Rettungsgeräten der Feuerwehr erreichbar ist.
Eine feste Außentreppe wird typischerweise dann nötig, wenn der zweite Rettungsweg nicht über die Feuerwehr sichergestellt werden kann. Häufige Gründe sind:
- Die Brüstung des Fensters oder Balkons, an dem angeleitert werden soll, liegt mehr als 8 m über dem Gelände, und es steht kein Hubrettungsfahrzeug mit passender Aufstellfläche zur Verfügung (§ 5 Abs. 1 und § 33 Abs. 3 MBO).
- Das Gebäude ist ein Sonderbau, zum Beispiel eine Schule oder ein Gebäude mit einem Raum für mehr als 100 Personen. Dann ist die Rettung über Geräte der Feuerwehr nur zulässig, wenn keine Bedenken wegen der Personenrettung bestehen.
- In einem Geschoss halten sich viele Menschen auf. Die Feuerwehr Herne sieht in ihrem Merkblatt bis 10 Personen je Nutzungseinheit in der Regel keine Bedenken und verlangt ab 30 Personen in der Regel einen zweiten baulichen Rettungsweg. In Niedersachsen gilt seit dem 1. Juli 2024 nach § 33 Abs. 2 NBauO: Ist das Gebäude kein Sonderbau und hat die Nutzungseinheit kein Geschoss für mehr als 30 Personen, ist davon auszugehen, dass gegen den Rettungsweg über die Feuerwehr keine Bedenken bestehen (Details im Artikel Zweiter Rettungsweg in Niedersachsen).
- Es handelt sich um eine Arbeitsstätte, für die die ASR A2.3 einen Nebenfluchtweg verlangt, etwa bei Produktions- und Lagerräumen über 200 m² oder sonstigen Arbeitsräumen über 400 m².
- Ein Umbau oder eine Nutzungsänderung schafft neue Aufenthaltsräume, zum Beispiel im Dachgeschoss oder in einer bisherigen Lagerfläche.
Welche Gesetze und Regeln gelten für eine Fluchttreppe?
Bauordnungsrecht ist Landesrecht. Die MBO ist nur ein Muster, an dem sich die Länder orientieren. Für ein Vorhaben in Niedersachsen gilt die NBauO mit ihrer Durchführungsverordnung (DVO-NBauO), in Nordrhein-Westfalen die BauO NRW 2018. Daneben gelten je nach Nutzung weitere Regeln.
| Regelwerk | Was es für die Fluchttreppe regelt |
|---|---|
| Landesbauordnung (NBauO, BauO NRW 2018) | Zwei Rettungswege, notwendige Treppen, Außentreppe ohne Treppenraum, Baustoffe der tragenden Teile, Handläufe, Umwehrungen |
| DVO-NBauO (Niedersachsen) | Mindesthöhen von Umwehrungen, Zugänge und Aufstellflächen für die Feuerwehr |
| Sonderbauvorschriften und Brandschutzkonzept | Zusätzliche Anforderungen bei Sonderbauten, zum Beispiel Schulen oder Versammlungsstätten |
| ASR A2.3 Fluchtwege und Notausgänge | Fluchtwege in Arbeitsstätten: Breiten, Längen, zulässige Treppenarten, Türen, Kennzeichnung |
| ASR A1.8 Verkehrswege | Treppen in Arbeitsstätten: Steigung, Auftritt, Podeste, Handläufe, Geländer |
| DIN 18065 Gebäudetreppen | Begriffe, Messregeln und Hauptmaße von Treppen |
| DIN EN 1090 | Herstellung tragender Stahlbauteile, werkseigene Produktionskontrolle, CE-Kennzeichnung |
Darf eine Außentreppe ohne Treppenraum ein Rettungsweg sein?
Grundsätzlich muss jede notwendige Treppe in einem eigenen, durchgehenden Treppenraum liegen (§ 35 Abs. 1 MBO). Für Außentreppen gibt es eine Ausnahme: Nach § 35 Abs. 1 Satz 3 Nr. 3 MBO und gleichlautend nach § 35 Abs. 1 BauO NRW 2018 ist eine notwendige Treppe ohne Treppenraum zulässig, wenn ihre Nutzung ausreichend sicher ist und im Brandfall nicht gefährdet werden kann. Die NBauO formuliert in § 35 Abs. 2 Nr. 3, die Nutzung müsse auch im Brandfall ausreichend sicher sein.
Feste Maße für „ausreichend sicher“ nennen die Gesetze nicht. In der Planung wird deshalb im Einzelfall geprüft, ob Feuer und Rauch aus Fenstern und Türen in der Außenwand die Treppe erreichen können, wo die Treppe ins Freie mündet und ob sich Personen dort vom Gebäude entfernen können. Für NRW hat das Bauministerium 2025 klargestellt, dass der zweite Rettungsweg ins Freie führen muss, aber nicht zwingend bis zur öffentlichen Verkehrsfläche. Führt er in einen Innenhof, ist unter anderem zu prüfen, ob Personen aus dem Trümmerschatten herauskommen und dort sicher auf die Rettungskräfte warten können.
Welche Anforderungen gelten an Material und Konstruktion?
- Baustoffe: Die tragenden Teile von Außentreppen müssen bei Gebäuden der Gebäudeklassen 3 bis 5 aus nichtbrennbaren Baustoffen bestehen (§ 34 Abs. 4 MBO, § 34 Abs. 4 BauO NRW 2018). Stahl ist deshalb ein üblicher Werkstoff für Fluchttreppen.
- Handläufe: Treppen brauchen einen festen und griffsicheren Handlauf. Die NBauO verlangt bei notwendigen Treppen beiderseits Handläufe (§ 34 Abs. 3 NBauO, mit Ausnahmen unter anderem für Wohngebäude der Gebäudeklassen 1 und 2). Die BauO NRW 2018 verlangt beidseitige Handläufe und Zwischenhandläufe, soweit die Verkehrssicherheit es erfordert (§ 34 Abs. 6 BauO NRW).
- Umwehrungen: Flächen, die an mehr als 1 m tiefer liegende Flächen grenzen, sind zu umwehren. Die Mindesthöhe beträgt bei einer Absturzhöhe bis 12 m 0,90 m, darüber 1,10 m (§ 38 MBO, § 4 DVO-NBauO, § 38 BauO NRW 2018). In Arbeitsstätten verlangt die ASR A1.8 an Treppen mindestens 1,00 m, bei mehr als 12 m Absturzhöhe 1,10 m.
- Herstellung: Tragende Stahlbauteile, die als Bauprodukt in Verkehr gebracht werden, fallen unter DIN EN 1090-1. Der Hersteller braucht dafür eine zertifizierte werkseigene Produktionskontrolle und erstellt Leistungserklärung und CE-Kennzeichnung.
- Korrosionsschutz: Eine Treppe im Freien ist dauerhaft der Witterung ausgesetzt. Das Institut Feuerverzinken nennt für Feuerverzinkungen Schutzzeiten von 50 Jahren und mehr als keine Seltenheit, abhängig von Schichtdicke und Umgebung.
Welche Maße muss eine Fluchttreppe einhalten?
Die Bauordnungen verlangen, dass die nutzbare Breite für den größten zu erwartenden Verkehr ausreicht, nennen aber meist keine Zahl. Konkrete Werte liefern DIN 18065 und für Arbeitsstätten die ASR A1.8. Die ASR A1.8 nennt für Treppen in gewerblichen Bauten eine Steigung von 16 bis 19 cm und einen Auftritt von 26 bis 30 cm, für Treppen im Freien seit ihrer Änderung im Juni 2024 eine Steigung von 14 bis 17 cm und einen Auftritt von 28 bis 32 cm. Nach höchstens 18 Stufen ist ein Zwischenpodest vorzusehen. Alle Werte im Detail finden Sie im Artikel Fluchttreppe: Breite, Steigung und Maße.
Was gilt zusätzlich in Arbeitsstätten?
Für Betriebe gelten neben dem Baurecht die Arbeitsstättenregeln. Die ASR A2.3 unterscheidet zwischen Hauptfluchtweg und Nebenfluchtweg:
- Wendel- und Spindeltreppen, Steigleitern und Steigeisengänge sind im Hauptfluchtweg nicht zulässig. Im Nebenfluchtweg sind sie zulässig, wobei Wendeltreppen vor Spindeltreppen und diese vor Steigleitern vorzuziehen sind.
- Manuell betätigte Türen von Notausgängen müssen in Fluchtrichtung aufschlagen.
- Die lichte Höhe von Hauptfluchtwegen darf 2,00 m nicht unterschreiten, 2,10 m sollen es sein.
- Fluchtwege sind mit Sicherheitszeichen zu kennzeichnen. Ob eine Sicherheitsbeleuchtung nötig ist, ergibt sich aus der Gefährdungsbeurteilung.
Welche Fehler treten bei Fluchttreppen häufig auf?
- Die Treppe führt an Fenstern vorbei, aus denen im Brandfall Rauch austreten kann, und ist dann nicht mehr sicher nutzbar.
- Der Austritt aus dem Gebäude ist eine Tür, die nicht in Fluchtrichtung aufschlägt oder die nur mit Schlüssel zu öffnen ist.
- Die Treppe endet auf einer Fläche, von der man nicht weiterkommt, etwa in einem eingezäunten Bereich.
- Eine Spindeltreppe wird geplant, obwohl die Treppe in einer Arbeitsstätte als Hauptfluchtweg dient.
- Fundamente, Wandanschlüsse und Korrosionsschutz werden erst spät geplant.
- Ob eine Baugenehmigung nötig ist, wird nicht vorab geklärt (siehe Braucht eine Fluchttreppe eine Baugenehmigung?).
Diese Übersicht ist keine Rechtsberatung. Stimmen Sie Ihr konkretes Vorhaben mit Ihrem Architekten, einem Brandschutzplaner oder der Bauaufsichtsbehörde ab.
Häufige Fragen
Ist eine Fluchttreppe außen immer Pflicht, wenn es nur eine Innentreppe gibt?
Nein. Der zweite Rettungsweg kann auch über Rettungsgeräte der Feuerwehr führen, etwa über ein anleiterbares Fenster. Eine feste Treppe wird nötig, wenn die Rettung über die Feuerwehr nicht möglich oder nicht zulässig ist.
Muss eine Fluchttreppe aus Stahl sein?
Nicht zwingend aus Stahl, aber bei Gebäuden der Gebäudeklassen 3 bis 5 müssen die tragenden Teile von Außentreppen aus nichtbrennbaren Baustoffen bestehen. Stahl wird deshalb häufig verwendet.
Wie hoch muss das Geländer einer Fluchttreppe sein?
Nach Bauordnungsrecht mindestens 0,90 m bei einer Absturzhöhe bis 12 m und 1,10 m darüber. In Arbeitsstätten verlangt die ASR A1.8 an Treppen mindestens 1,00 m, über 12 m Absturzhöhe 1,10 m.
Darf eine Spindeltreppe eine Fluchttreppe sein?
In Arbeitsstätten ist eine Spindeltreppe nach ASR A2.3 nur im Nebenfluchtweg zulässig, nicht im Hauptfluchtweg. Ob sie im konkreten Gebäude als Rettungsweg anerkannt wird, ist mit Brandschutzplaner und Bauaufsicht zu klären.
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Quellen
- Musterbauordnung (MBO), Fassung 2002, zuletzt geändert am 25.09.2020
- Niedersächsische Bauordnung vom 03.04.2012 (Ausgangsfassung)
- Architektenkammer Niedersachsen: Brandschutz-Änderungen der NBauO 2024
- Nds. Wirtschaftsministerium: FAQ zu § 4 DVO-NBauO, Umwehrungen
- BauO NRW 2018, § 33 Erster und zweiter Rettungsweg
- BauO NRW 2018, § 34 Treppen
- BauO NRW 2018, § 35 Notwendige Treppenräume, Ausgänge
- BauO NRW 2018, § 38 Umwehrungen
- MHKBD NRW: Führung des zweiten Rettungswegs ins Freie, Erlass vom 21.02.2025
- Feuerwehr Herne: Merkblatt E3, zweiter Rettungsweg mit Rettungsgeräten der Feuerwehr
- ASR A2.3 Fluchtwege und Notausgänge, Ausgabe März 2022 (Textfassung)
- ASR A1.8 Verkehrswege, Ausgabe März 2022 (Textfassung)
- bauforumstahl: CE-Kennzeichnung nach EN 1090
- Institut Feuerverzinken: Eigenschaften der Feuerverzinkung
- Niedersächsische Bauordnung, § 33 Rettungswege in der aktuellen Fassung (gesetze.co)
- Gesetz zur Änderung der Niedersächsischen Bauordnung vom 18.06.2024, Nds. GVBl. Nr. 51/2024 (Auszug, umwelt-online)
- Niedersächsische Bauordnung, § 34 Treppen (gesetze.co)
- Niedersächsische Bauordnung, § 35 Notwendige Treppenräume, Ausgänge (gesetze.co)
- Bekanntmachung der Änderung der ASR A1.8 vom 12.06.2024, GMBl 2024 S. 412 (umwelt-online)
Stand: 03.11.2026




